Objekte 115
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vorbildlich

Ein bedeutender Teil des menschlichen Kunstschaffens ist unmittelbar von Vorbildern inspiriert. Jenseits des einzigartigen Einfalls – der künstlerischen Genialität – ist es die sorgfältige Nachahmung und kluge Weiterentwicklung von Vorbildern, die stets neue Objekte und Kunstwerke hervorbringt. Ein vorbildliches Kunstwerk erlaubt es, sich an seiner Form, seiner Funktion und seiner Bedeutung zu orientieren, es kann wie ein Bauplan benutzt werden. Künstler und Kunsthandwerker aller Kulturen und aller Epochen haben sich ausführlich mit Vorbildern beschäftigt, sie bis zur Perfektion hin kopiert und nach eigenen Vorstellungen abgewandelt. Der Bildhauer etwa, der im 2. Jahrhundert nach Christus die Porträtbüste des römischen Kaisers Commodus schuf, bezieht sich auf ein traditionelles Muster: Die Büste als würdevolle Form der Repräsentation eines Herrschers. Durch die eigenständige künstlerische Weiterentwicklung dieses Musters wurde die Commodus-Büste für die folgenden Künstlergenerationen ihrerseits zu einem Vorbild. Die feine Ausarbeitung der Gesichtszüge und der Haare lässt das Bildnis natürlich erscheinen, die ausgewählten Attribute strahlen Klugheit und Macht aus. Dem Bild des Menschen widmete sich um 1900 auch der deutsche Fotograf August Sander. Seine Art Menschen zu porträtieren, beruhte anfangs auf den Vorbildern der Porträtmalerei. Bald brachen seine Bilder jedoch aus dem gewohnten Schema aus und erhielten eine erzählerische Note. So wie sie auf dem Porträt dreier junger Bauern zu erkennen ist, die scheinbar während eines Sonntagsspaziergangs abgelichtet werden. Sanders Konzept, Menschen aller gesellschaftlichen Schichten, vom Bettler bis zum Akademiker, zu zeigen, ging weit über die Idee des Künstlerporträts hinaus. Sie wurde zum Vorbild einer künstlerischen Strömung, die sich der Dokumentation sozialer Milieus verschrieb.

Dennis Conrad