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traditionell

Ein Kunstwerk, das sich nicht auf die ihm vorgängige künstlerische Tradition bezieht, ist ebenso wenig denkbar wie ein Kunstwerk, das sich nicht von diesem Traditionsbezug in irgendeiner Weise auch löst, ihn in Frage stellt, somit Avantgarde ist und in die Zukunft weist. Denn ein gänzlich geschichtsloses Kunstwerk wäre unverständlich, im günstigsten Fall wäre es Privatkunst, im schlimmsten irre. Dagegen bliebe ein nur nach den Zunftvorgaben der alten Meister verfertigtes Werk schale Reproduktion, Kunsthandwerk im schlechten Sinne, Massenware. Im Spannungsfeld dieser beiden Pole von Bewahren und Erneuern, von Kontinuität und Bruch, von Tradition und Innovation bewegt sich über die Jahrhunderte und Jahrtausende der begriffslose Diskurs der Künstler und ihrer Werke. So nimmt etwa der französische Künstler Charles-Jean Avisseau Mitte des 19. Jahrhunderts mit seiner "Vase in der Art von Palissy" Anleihen bei der Formensprache des Meisters der Spätrenaissance Bernard Palissy. Darüber hinaus bezieht sich die Vasenform auch auf Vorbilder der klassischen Antike, wie im Vergleich mit der apulischen Hydria des 3. vorchristlichen Jahrhunderts zu sehen ist. Eine andere, die Kultursphären von West und Ost übergreifende Bezugnahme findet sich bei der Meißner Porzellanvase, die eine Landschaft im traditionellen chinesischen Malstil ziert. So genannte Chinoiserien, an chinesischen Vorbildern orientierte Darstellungen, finden sich auch auf dem Cembalo Pascal Taskins. Das Instrument selbst ist wiederum als vermeintlicher Umbau eines altniederländischen Instrumentes gestaltet. Ohne solche vielfältigen Bezugnahmen zur Vergangenheit hätten wir keine (Kunst-)Geschichte, lebten wir erinnerungslos und damit letztlich auch ohne Erkenntnis unserer eigenen Situation. Goethe hat dies in seinem West-östlichen Divan, im Buch des Unmuts, auf den Punkt gebracht: "Wer nicht von dreitausend Jahren // Sich weiß Rechenschaft zu geben, // Bleib im Dunkeln unerfahren, // Mag von Tag zu Tage leben."

Olaf Kirsch