Objekte 115
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sinnlich

Schmecken, hören, sehen, tasten, riechen: Über die Sinne erleben wir die Welt. Die sinnliche und körperliche Wahrnehmung ist auch bei Kunstwerken ein wichtiges Element und erlaubt einen völlig anderen Zugang zum Objekt als die intellektuelle oder geistige Verarbeitung. So wird die Haut, ein Sinnesorgan, das Reize aufnimmt und zugleich auch ausstrahlen kann, zu einem Botschafter für ihren Träger und seinen Betrachter. Ein männliches Aktmodell aus Japan trägt seine Haut zur Schau, reich geschmückt mit ornamentalen Tätowierungen. Fotografien solcher Hautkunstwerke waren im 19. Jahrhundert ein beliebtes Souvenir für Reisende. In der Kunst wird die Außenhülle zum erzählerischen Medium, das dem Betrachter unmittelbar durch ihre sinnlich erfahrbare Beschaffenheit die Aussage des Künstlers vermittelt. Religiöse Überzeugungsarbeit leistet etwa die rosige Haut eines Christkindes, das um 1500 in Augsburg aus Holz geschnitzt und farbig gefasst wurde. Segensgeste und Weltkugel kennzeichnen den Knaben als Erlöser, dem Ehrerbietung gebührt. Darüber hinaus gibt die lebenswarme Darstellung des kindlichen Körpers einen sinnlichen Eindruck von der Menschwerdung Christi. Kalt ist dagegen die weiße Haut der monumentalen Torwächterinnen für das Palais Stoclet in Brüssel. Richard Luksch brannte sie in Wien am Beginn des 20. Jahrhunderts in Ton. In bizarren Verrenkungen posieren die schlanken Schönheiten, ihrer erotischen Ausstrahlung bewusst, und doch sind ihre Seelen so verletzlich wie das zerbrechliche Material der Keramik. Von praller Sinnlichkeit ist der feuerrote samtige Sessel von Gaetano Pesce, mit seinen Rundungen erinnert er an einen üppigen weiblichen Körper. Doch wer sich in die Kurven schmiegt, wird zum Nachdenken angeregt über die Rolle der Frau als Objekt der Begierde.

Sabine Schulze