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luxuriös

"Luxus muss sein. Wenn die Reichen nichts verschwenden, verhungern die Armen." Die fast 300 Jahre alte Behauptung des französischen Schriftstellers und Philosophen Baron de Montesquieu (1689-1755) erklärt noch heute Selbstverständnis und Selbstbewusstsein vieler, die Luxuriöses schaffen oder darin leben. Luxus ist das feine "Mehr", das über das Notwendige hinaus geht. Aber was ist notwendig? Sogar scheinbar nutzloser Luxus ist notwendig, weil seit Jahrtausenden die Nachfrage nach Luxusgütern Künstler und Handwerker, Techniker und Entwerfer zu Höchstleistungen anspornt. Aller Begeisterung für luxuriöse Güter liegt der Wunsch zugrunde, einzigartig zu sein, dem eigenen Machtanspruch eine prächtige Ausstattung zu verleihen, sich abzugrenzen von Konkurrenten oder Untergebenen oder einfach nur die Freude an der Kennerschaft, am Genuss. Aber immer gab es auch Verbote, die dem luxuriösen Treiben Einhalt geboten, ob durch Religionen, die die Selbstüberhöhung des Menschen nicht dulden, oder durch Herrscher, die in ihrem luxuriösen Leben nicht von der Selbstdarstellung anderer überstrahlt werden wollen. Erst die Aufklärer, Reformer und Revolutionäre der letzten Jahrhunderte haben "Luxus für alle" gefordert und die Vorstellung, was luxuriös ist, weit über materielle Güter hinaus geschoben. Die luxuriösen Güter der Zukunft werden jene sein, die immer knapper verfügbar sind, wie Zeit, Raum und intakte Umwelt, Ruhe, Sicherheit und soziale Aufmerksamkeit. Sie für möglichst viele Menschen zugänglich zu machen, wird die Gestaltungsberufe weitreichender beschäftigen als die Schaffung von Luxusgütern. Ungeachtet dessen verliert der "alte Luxus" nichts an Faszination, bedeutet er doch auch Freiheit – zum Beispiel die Freiheit, schnell und komfortabel zu reisen, wie es das französische Plakat für den Zug Nordexpress verspricht, die Freiheit, ein dreißig Kilo schweres Buch mit Werken des Fotografen Helmut Newton seinen Gästen wie ein erlesenes Möbelstück zu präsentieren, oder die Freiheit, sich alle Hände voll zu tun zu geben, um mit einem kostbaren Faltfächer sich selbst und seine Lebensart in Szene zu setzen.

Nils Jockel