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16. Mai bis 27. Oktober 2013
Böse Dinge
Eine Enzyklopädie des Ungeschmacks

Was ist Geschmack? Wer bestimmt, was gut oder schlecht, schön oder hässlich ist? Unternehmen geben Milliarden aus, um herauszufinden, welches Produkt den Nerv der Zeit trifft. Wissenschaftler beschäftigen sich mit der Suche, welche Areale im Gehirn für die Geschmacksbildung verantwortlich sind. Und wir? Wir diskutieren über Geschmack, obwohl sich darüber bekanntlich nicht streiten lässt. Das Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg (MKG) greift den Diskurs um „guten“ und „schlechten“ Geschmack auf und zeigt die vom Werkbundarchiv – Museum der Dinge, Berlin, entwickelte Ausstellung „Böse Dinge. Eine Enzyklopädie des Ungeschmacks“, die historische und aktuelle Positionen einander gegenübergestellt. Darüber hinaus sind die Besucher eingeladen, im Rahmen einer Tauschbörse ihre eigenen "bösen" Dinge mitzubringen, einzuordnen und einzutauschen. Das Konzept der Ausstellung „Böse Dinge“ basiert auf der Publikation „Guter und schlechter Geschmack im Kunstgewerbe“ des Kunsthistorikers Gustav E. Pazaurek von 1912. Darin entwickelt er einen komplexen Kriterienkatalog, der auch die Grundlage für seine „Abteilung der Geschmacksverirrungen“ im Stuttgarter Landesmuseum ist. Pazaurek war Mitglied des 1907 gegründeten Deutschen Werkbunds, der die bis heute aktuelle Debatte um die „Gute Form“ im Design auslöst. Die Ausstellung „Böse Dinge“ präsentiert etwa 60 Objekte aus dem ehemaligen Pazaurek‘schen „Schreckenskabinett“ und konfrontiert diese mit aktuellen Designobjekten. Dabei wird Pazaurek’s Systematik auf ihre heutige Gültigkeit überprüft. Gleichzeitig werden neue Kategorien entworfen, die aus aktueller Sicht Dinge als „gut“ und böse“ charakterisieren könnten. Wie man sich der "bösen" Dinge in Pazaureks Sinne entledigen könnte, zeigt Antoine Zgraggen mit seinen Dingzerstörungsmaschinen. Parallel zeigt das MKG das Projekt „Name That Thing“ der Muthesius-Kunsthochschule Kiel. Studierende beschäftigen sich in Projektionen, Installationen, Objekten, Fotografien und Texten mit dem Thema der Kitschkunst und nehmen auch das Museum als geschmacksbildende Instanz ins Visier.

Abb.: mit Schmucksteinen verziertes Handy, Entwurf: Moeko Ishida, Deco Loco, 2009; Mobiltelefon-Halter, Agora Gifthouse AB, Schweden, 2009; Historistische Tischuhr, Sammlung Werkbundarchiv – Museum der Dinge, Berlin, Foto: Armin Herrmann; Bierkrug in Form eines Rettichs mit Bismarck-Gesicht, vermutlich Porzellanmanufaktur Schierholz & Sohn, C.G., vermutlich Plaue, Thüringen, um 1890, Foto: Hendrik Zwietasch, Landesmuseum Stuttgart